Langzeitprojekt „Vor 80 Jahren – Sindelfingen im Krieg“ des Stadtmuseums im März: "März 1941 – März 2021 "Eine Schießanlage im Wald und ihre Geschichte"

Das Stadtmuseum Sindelfingen befasst sich von September 2019 bis Mai 2025 unter dem Titel „Vor 80 Jahren – Sindelfingen im Krieg“ mit der Zeit des Zweiten Weltkriegs und wie sich damals die Situation für die Menschen vor Ort darstellte.

rDazu wird monatlich ein Objekt oder Thema in den Mittelpunkt gestellt, das vor 80 Jahren relevant war und auf das analog im Stadtmuseum Bezug genommen wird. So entsteht eine Reihe mit 69 Beiträgen, die monatliche Blitzlichter auf die Zeit von September 1939 bis Mai 1945 wirft und das damalige Geschehen auf lokaler Ebene lebendig werden lässt.
Die Objektauswahl erfolgt anhand der Sammlungsbestände von Archiv und Museum. Darüber hinaus werden auch Erinnerungsorte einbezogen und, begleitend zum Projekt, Gespräche mit Zeitzeugen geführt und aufgezeichnet.
 
 
Thema im Monat März 2021:
Eine Schießanlage im Wald und ihre Geschichte
Text von Horst Zecha
 
Die zum Thema gestalteten Schaukästen und die Vitrine im Museum sind ab dem 19. März im Stadtmuseum zu sehen.
 
Wer heute vom Wasserturm beim Krankenhaus aus auf der Alten Vaihinger Straße einen Spaziergang in den Sindelfinger Wald hinein macht, stößt nach einiger Zeit zunächst auf die sogenannte Bernet-Kapelle, einen Andachtsort in einer kleinen Schutzhütte, und einige Zeit später unmittelbar nach Überquerung der Autobahn A 8, nicht mehr allzu weit von Stuttgart-Vaihingen entfernt, auf ein größeres eingezäuntes Areal. Dahinter befindet sich der Schießstand Bernet, benannt nach dem dortigen Walddistrikt. Im März 1941 war dieses Areal zum wiederholten Mal Thema in einer Sitzung des Gemeinderats der Stadt Sindelfingen, dabei ging es um das durchaus heikle Thema eines Markungsgrenzausgleichs zwischen Sindelfingen und der damals noch selbständigen Gemeinde Maichingen.
Angefangen hatte alles im Jahr 1936, als im Zuge der nationalsozialistischen Aufrüstungspolitik zeitgleich mit dem Bau der Panzerkaserne auf Böblinger Gemarkung und der Kurmärker Kaserne in Vaihingen (heute Patch Barracks) begonnen wurde. Im Zusammenhang damit stand die Anfrage der Heeresstandortverwaltung Stuttgart vom Herbst 1937 zur Anlage einer militärischen Schießanlage im Gewann Bernet.

Bürgermeister Pfitzer und die Sindelfinger Ratsherren waren zunächst nicht gewillt, die Waldfläche am Rande der Sindelfinger Gemarkung käuflich an das Reich abzugeben und boten eine Verpachtung an, die aber wiederum seitens der Heeresstandortverwaltung abgelehnt wurde. Nun begannen langwierige und erfolglose Preisverhandlungen, die letztendlich von übergeordneter Stelle entschieden werden mussten. So verging die Zeit, und im Frühjahr 1941 war zwar die Schießanlage in Betrieb, die finanzielle Abwicklung aber noch nicht in allen Details geklärt. Gleichzeitig bestand die Standortverwaltung auf einem Markungsgrenzausgleich, da sich nach endgültiger Fertigstellung der Anlage eine kleine Teilfläche auf Maichinger Gemarkung befand. Letztendlich wurde der Grenzausgleich zwischen Maichingen und Sindelfingen im Jahr 1941 vollzogen, so dass sich die Sindelfinger Gemarkung zu diesem Zeitpunkt um ca. 10 ar vergrößerte, die Maichinger entsprechend schrumpfte. Eine Ausgleichszahlung erfolgte wegen der geringen Fläche und der Tatsache, dass das Gelände ja auch von Sindelfingen nicht genutzt werden konnte, nicht. Im Sindelfinger Gemeinderatsprotokoll vom 27. März 1941 heißt es dazu in geradezu aufreizender Freundlichkeit, dass der Entschluss gefasst wird, „die Gemeinde Maichingen mittels Übergabe eines Protokoll-Auszugs zur Zustimmung einzuladen.“ Wohl eher zähneknirschend nahmen die Maichinger die „Einladung“ an und stimmten ihrerseits dem Markungsgrenzausgleich zu.  Spätestens mit der Eingemeindung Maichingens nach Sindelfingen im Jahr 1971 hätte sich die Frage aber ohnehin erledigt.

Nachdem die Schießanlage mit Kriegsende ihre Funktion vorerst verloren hatte, wurde das Gelände in der Nachkriegszeit als Flüchtlingslager genutzt. Dabei wird immer wieder über die schwierigen Verhältnisse berichtet, die die Lage der Unterkünfte kilometerweit von der Stadt entfernt mit sich brachte. Im Zusammenhang mit der Einrichtung des Flüchtlingslagers ist auch die Bernet-Kapelle als Andachtsort für die katholischen Bewohner eingerichtet worden und wird bis heute liebevoll gepflegt. Nach Abriss der Wohnbaracken Anfang der 1960-er Jahre wurde das Gelände wieder der ursprünglichen militärischen Nutzung zugeführt.
 
Bilder, Fotos und Texte stehen zur freien Verwendung.
 
Foto: Stadtmuseum Sindelfingen; Die Abbildung der Wohnsiedlung Bernet datiert ca. 1948.

 Flüchtlingslager Bernet
 Flüchtlingslager Bernet
Kapelle Bernet
Kapelle Bernet
(Erstellt am 19. März 2021)