Langzeitprojekt „Vor 80 Jahren – Sindelfingen im Krieg“ des Stadtmuseums im Januar: „Ehemann im Lager verstorben – näheres durch Polizei“

Das Stadtmuseum Sindelfingen befasst sich von September 2019 bis Mai 2025 unter dem Titel „Vor 80 Jahren – Sindelfingen im Krieg“ mit der Zeit des Zweiten Weltkriegs und wie sich damals die Situation für die Menschen vor Ort darstellte.

Dazu wird monatlich ein Objekt oder Thema in den Mittelpunkt gestellt, das vor 80 Jahren relevant war und auf das analog im Stadtmuseum Bezug genommen wird. So entsteht eine Reihe mit 69 Beiträgen, die monatliche Blitzlichter auf die Zeit von September 1939 bis Mai 1945 wirft und das damalige Geschehen auf lokaler Ebene lebendig werden lässt.
Die Objektauswahl erfolgt anhand der Sammlungsbestände von Archiv und Museum. Darüber hinaus werden auch Erinnerungsorte einbezogen und, begleitend zum Projekt, Gespräche mit Zeitzeugen geführt und aufgezeichnet.
 
 
Thema im Monat Januar 2020:
„Ehemann im Lager verstorben – näheres durch Polizei“
Text von Horst Zecha
 
Die zugehörige Vitrine im Sindelfinger Stadtmuseum ist ab Freitag, 17. Januar 2020 dem Publikum zugänglich.
 
Das Schicksal des Wilhelm Brendle
 
Die Gedenktafel für die Sindelfinger NS-Opfer neben dem Haupteingang des Rathauses dokumentiert eindrücklich, wie sehr die nationalsozialistische Terrorherrschaft auch in einer Kleinstadt wie Sindelfingen ihre Spuren hinterlassen hat.
 
Ein Name, der auf dieser Tafel zu finden ist, ist der von Wilhelm Brendle. Von seiner Familie und von den Nachbesitzern seines Hauses in der Uhlandstraße sind zahlreiche Originaldokumente ins Sindelfinger Stadtarchiv gelangt, so dass wir seinen Lebens- und Leidensweg detailliert nachvollziehen können.
 
Wilhelm Brendle wurde 1889 in Rommelsbach geboren und kam 1919 nach Sindelfingen, wo er sich der Kommunistischen Partei (KPD) anschloss und für diese auch öffentlich in Erscheinung trat. 1931 kandidierte er für einen Sitz im Sindelfinger Gemeinderat.
 
Nachdem die Nationalsozialisten kurz nach ihrer Machtergreifung den Reichstagsbrand am 27. Februar 1933 zum Vorwand für die Zerschlagung der demokratischen Parteien genommen hatten, wurden zahlreiche Mitglieder und Funktionäre vor allem der KPD und der SPD verhaftet. Auch Wilhelm Brendle wurde inhaftiert und bis Juli 1933 im Konzentrationslager auf dem Heuberg (Schwäbische Alb) festgehalten.
Familienmitglieder und Bekannte berichten, dass Wilhelm Brendle und seine Familie in der Folgezeit immer wieder Schikanen und Repressionen ausgesetzt waren. Nach einem Treffen mit ehemaligen Parteifreunden im August 1935 wurde Wilhelm Brendle erneut verhaftet und vom Amtsgericht Stuttgart zu zweieinhalb Jahren Gefängnis wegen „Vorbereitung zum Hochverrat“ verurteilt. Nach Verbüßung der Haftstrafe folgte aber, wie in vielen anderen Fällen auch, nicht die Freilassung, sondern die Verbringung in ein Konzentrationslager. So führte der Weg von Wilhelm Brendle schließlich im Herbst 1939 ins österreichische KZ Mauthausen. Von dort erhielt seine Frau am 25. Januar 1940 ein kurzes Telegramm: „Ehemann im Lager verstorben – näheres durch Polizei.“ Auf die Nachfrage nach der Todesursache ihres Mannes erhielt Maria Brendle im Februar 1940 ebenfalls nur eine lapidare Nachricht, die mit den tatsächlichen Verhältnissen nichts zu tun hatte: „Der am 25.01.40 verschiedene W.B. stand hier in Behandlung wegen einer Aderverkalkung bei Bluthochdruck. Trotz aller ärztlichen Bemühungen verstarb B. an den Folgen eines Gehirnschlages.“
Eine „ärztliche Behandlung“ und „ärztliche Bemühungen“ sind angesichts der Zustände in den Konzentrationslagern kaum vorstellbar, und so muss die wahre Todesursache offenbleiben. Durch die Einäscherung des Leichnams wurden auch alle späteren Untersuchungen unmöglich gemacht.
 
Wenige Tage vor seinem Tod, am 14. Januar 1940, hatte Wilhelm Brendle den letzten (selbstverständlich zensierten) Brief aus dem KZ Mauthausen an seine Familie gesandt. Dort schreibt er unter anderem: „Hoffe, dass ihr alle noch gesund seid, was ich von mir soweit auch berichten kann.“ Die Hoffnung, die Wilhelm Brendle in den ersten Zeilen des Briefes ausdrückt, hat sich für ihn und seine Angehörigen nicht mehr erfüllt: „Meine liebe gute Maria und alle Lieben in der Heimat! Ein Neues Jahr ist wiederum herangekommen, was wird es uns bringen? Hoffen wir den Völkerfrieden und die lang und heiß ersehnte Freiheit.“
 

Arztbericht aus Mauthausen
Arztbericht aus Mauthausen
Telegramm aus Mauthausen
Telegramm aus Mauthausen
Wilhelm Brendle
Wilhelm Brendle
(Erstellt am 15. Januar 2020)