Langzeitprojekt „Vor 80 Jahren – Sindelfingen im Krieg“ des Stadtmuseums im Mai: „Mai 2022 – Mai 1942 - „Erweiterung des „Ehrenfriedhofs““

Das Stadtmuseum Sindelfingen befasst sich von September 2019 bis Mai 2025 unter dem Titel „Vor 80 Jahren – Sindelfingen im Krieg“ mit der Zeit des Zweiten Weltkriegs und wie sich damals die Situation für die Menschen vor Ort darstellte.

Dazu wird monatlich ein Objekt oder Thema in den Mittelpunkt gestellt, das vor 80 Jahren relevant war und auf das analog im Stadtmuseum Bezug genommen wird. So entsteht eine Reihe mit 69 Beiträgen, die monatliche Blitzlichter auf die Zeit von September 1939 bis Mai 1945 wirft und das damalige Geschehen auf lokaler Ebene lebendig werden lässt.
Die Objektauswahl erfolgt anhand der Sammlungsbestände von Archiv und Museum. Darüber hinaus werden auch Erinnerungsorte einbezogen und, begleitend zum Projekt, Gespräche mit Zeitzeugen geführt und aufgezeichnet.
 
 
Thema im Monat Mai 2022:
„Erweiterung des „Ehrenfriedhofs““
 
Text von Illja Widmann
 
Die zugehörige Vitrine im Sindelfinger Stadtmuseum ist ab dem 24. Mai 2022 dem Publikum zugänglich. Die Texte sind auch auf der städtischen Homepage nachzulesen.
 
Auf dem Sindelfinger Friedhof (hinter dem damaligen Rathaus, heute Galerie) wurde bereits für die Gefallenen des Ersten Weltkriegs ein „Ehrenfriedhof“ mit einem Denkmal angelegt. Im Laufe des Zweiten Weltkriegs wurden in diesem Bereich auch die nun verstorbenen Soldaten beigesetzt. Allerdings war sich bereits im Frühjahr 1942 Bürgermeister Pfitzer darüber im Klaren, dass mit einem raschen Kriegsende wohl nicht zu rechnen wäre und er erteilte im März 1942 dem Stadtbauamt die Aufgabe, auf dem Friedhof das „Ehrenfeld…für die Beerdigung von Kriegsteilnehmern … raschestens“ zu erweitern. „Wenn in der nächsten Zeit Kriegsopfer beerdigt werden sollen, kommen wir geradezu in Verlegenheit.“
 
Die nationalsozialistischen Machthaber befanden sich mit dem Fortschreiten des Krieges in einem Dilemma. Einerseits wurde durch die gesamte Propagandamaschinerie die erfolgreiche deutsche Wehrmacht gerühmt, andererseits war auch an der „Heimatfront“ offensichtlich, dass der Krieg zunehmend mehr Opfer kosten würde. Zu Beginn des Krieges sollte das Gedenken an die Opfer, auf Wunsch von Adolf Hitler, nicht öffentlich zelebriert werden. Gleichzeitig jedoch wurde das Sterben im Namen von „Führer, Volk und Vaterland“ ideologisiert und die gefallenen Soldaten heroisiert. Eine wichtige Funktion hatte dabei der „Kriegerfriedhof“, dessen Gestaltungselemente genau vorgegeben waren. Dabei wurde öffentlich nicht erwähnt, dass es aus militärtaktischen Gründen gar nicht vorgesehen war, alle Gefallenen an ihrem Heimatort zu bestatten, da für diesen Zweck keine Transportkapazitäten vorgesehen waren. Die Gräberfelder standen ab 1942 jedoch nicht ausschließlich für verstorbene Soldaten zu Verfügung. In einem Brief vom 28. Mai 1942 aus dem württembergischen Innenministerium wurde bekanntgegeben, dass auf den „Kriegerfriedhöfen“ auch Opfer von Luftangriffen beerdigt werden könnten. „Da die Opfer von Luftangriffen ebenso wie die Soldaten an der Front für Deutschlands Grösse gefallen sind, sollen ihre Grabdenkmäler mit dem Eisernen Kreuz geschmückt werden.“ Am 5. Mai 1942 wurden in Stuttgart bei einem Luftangriff 13 Menschen getötet. Die Bevölkerung erlebte immer häufiger, dass auch die „Heimatfront“ lebensgefährlich war.
 
In Sindelfingen wurde am 11. Mai 1942 der Friedhofwärter Robert Schurer von Stadtbaumeister Schube in Kenntnis gesetzt, dass der Friedhof umgehend erweitert werden müsste, da alle Gräber belegt seien. Er erhielt den Auftrag, 15 vorhandene Gräber in Abstimmung mit den Hinterbliebenen abzuräumen und eventuell die Gebeine umzubetten, um Platz für neue Gräber auf dem „Ehrenfriedhof“ zu schaffen.
 
Der Gemeinderat besichtigte im Juni die neue Friedhofsanlage: „Dabei kommt einmütig zum Ausdruck, dass die veränderte Anlage sich gut in das Friedhofbild einfüge und dass die für die Gefallenen des jetzigen Krieges als Grabmal vorgesehenen Holzkreuze in Form des Eisernen Kreuzes durchweg für diese Gefallenen auf Stadtkosten errichtet und beschriftet werden sollen“
 

Plan zur Erweiterung des „Ehrenfriedhofs“ für die Gefallenen des Zweiten Weltkriegs, Mai/Juni 1942 (Scan Stadtarchiv). Die rot markierten Gräber 21 bis 40 wurden neu angelegt.
Plan zur Erweiterung des „Ehrenfriedhofs“ für die Gefallenen des Zweiten Weltkriegs, Mai/Juni 1942 (Scan Stadtarchiv). Die rot markierten Gräber 21 bis 40 wurden neu angelegt.