Langzeitprojekt „Vor 80 Jahren – Sindelfingen im Krieg“ des Stadtmuseums im Dezember: "Dezember 1939 - Die erste Kriegsweihnacht"

Das Stadtmuseum Sindelfingen befasst sich von September 2019 bis Mai 2025 unter dem Titel „Vor 80 Jahren – Sindelfingen im Krieg“ mit der Zeit des Zweiten Weltkriegs und wie sich damals die Situation für die Menschen vor Ort darstellte.

Dazu wird monatlich ein Objekt oder Thema in den Mittelpunkt gestellt, das vor 80 Jahren relevant war und auf das analog im Stadtmuseum Bezug genommen wird. So entsteht eine Reihe mit 69 Beiträgen, die monatliche Blitzlichter auf die Zeit von September 1939 bis Mai 1945 wirft und das damalige Geschehen auf lokaler Ebene lebendig werden lässt.
Die Objektauswahl erfolgt anhand der Sammlungsbestände von Archiv und Museum. Darüber hinaus werden auch Erinnerungsorte einbezogen und, begleitend zum Projekt, Gespräche mit Zeitzeugen geführt und aufgezeichnet.
 
 
Thema im Monat Dezember 2019:
Dezember 1939 - Die erste Kriegsweihnacht
 
Die zugehörige Vitrine im Sindelfinger Stadtmuseum ist ab Freitag, den 20. Dezember 2019 dem Publikum zugänglich.
 
Jenseits der großen, von der NS-Propaganda geprägten Überschriften sind es in den Tageszeitungen vom Dezember 1939 eher die kleinen, unscheinbaren Kurzmeldungen, aus denen deutlich wird, dass sich das alltägliche Leben und damit auch die Vorbereitungen auf das alljährliche Weihnachtsfest durch den Krieg verändert hatten.
 
In der Sindelfinger Zeitung vom 9. Dezember findet sich unter der Überschrift „Mehl für die Weihnachtsbäckerei“ folgender Hinweis: „Für die Weihnachtsbäckerei soll den Verbrauchern die Möglichkeit gegeben werden, Mehl an Stelle von Brot zu beziehen.“ In der Folge wird das Verfahren dazu genauestens beschrieben. Notwendig wurde dieser Hinweis, weil diverse Lebensmittel, darunter auch Brot, seit Kriegsbeginn nur noch gegen die Vorlage von zugeteilten Bezugskarten verfügbar waren.
 
In der gleichen Ausgabe wird unter der Überschrift „Praktische und schöne Geschenke, die Freude machen“ erläutert, welches die richtigen Weihnachtsgaben für die Soldaten im Feld sein könnten. U.a. heißt es dort: „Heute, wo Mann, Sohn oder Bruder im Felde stehen, wird die Frage der Geschenkwahl verstärkt auftauchen. (…) In Wirklichkeit ist dies gar nicht so schwer; denn bei einiger Überlegung lässt sich vielerlei finden. Nur allzu umfangreich dürfen die Gaben nicht sein, damit sie das zulässige Feldpostgewicht des 1-Kilo-Päckchens nicht überschreiten. (…) Lesestoff ist im Felde immer willkommen. Der Buchhändler hilft gerne bei der Auswahl, wenn man ihm sagt, ob der Empfänger ernste oder heitere Kost bevorzugt.“
 
Ob die Frauen, deren Männer zur Wehrmacht eingezogen waren, tatsächlich nicht selbst am besten wussten, was notwendig und sinnvoll ist, sei dahingestellt. Aber auch die Empfehlungen des angesprochenen Buchhändlers sollten nicht dem Zufall überlassen werden. So finden sich sowohl am 9. als auch am 16. Dezember 1939 Empfehlungen der NSDAP-Kreisleitung unter der Überschrift „Bücher auf den Weihnachtstisch!“ Titel wie „Der Führer und sein Werk“, „Nationalsozialistische Leistungsauslese“ oder „Die Judengesetze Großdeutschlands“ lassen erahnen, dass es sich um Propagandaschriften der schlimmsten Sorte handelt. Am 23. Dezember wird in der Sindelfinger Zeitung darauf hingewiesen, dass auf dem Balkon des Rathauses [heutige Galerie] selbstverständlich wieder der traditionelle Weihnachtsbaum aufgestellt sei, allerdings wegen der Verdunklungsanordnung in diesem Jahr ohne Beleuchtung.
 
Ebenfalls am 23. Dezember druckte die Sindelfinger Zeitung ein Gedicht des damaligen Sindelfinger Gewerbeschulleiters Eduard Eisele ab, das zeigt, wie perfekt es der nationalsozialistischen Propaganda mittlerweile gelungen war, auch in die Gedankenwelt gebildeter und reflektierter Menschen vorzudringen. In pathetischen Worten gibt Eisele die NS-Ideologie vom unterdrückten Volk auf der Suche nach Lebensraum wider:
 
„Und wieder ist das Weihnachtsfest nun da,
Wir steh’n in Waffen, denn der Feind ist nah!
Die Welt ist krank, sie liegt in bösen Wehen,
Sie kann die Wahrheit und uns Deutsche nicht verstehen.
Die Welt ist kalt wie Wintersnacht und – Grausen,
Man gönnt uns Licht und Leben nicht, da draußen,
Man will mit Mord und Krieg und eitler List
Vernichten, was uns Deutschen heilig ist.“
 
Auch wenn die Zeit der Luftangriffe und des unmittelbaren Kriegserlebens noch fern war – es war keine fröhliche Weihnachtszeit mehr, die die Sindelfingerinnen und Sindelfinger 1939 erlebten.
 
 
Das Spiel "Der Siegeszug unserer jungen Wehrmacht" auf dem Foto war laut Spielanleitung "ein zeitgemäßes, unterhaltendes und belehrendes Gesellschaftsspiel" das die Kinder mit dem Krieg vertraut machen sollte.


Buchempfehlung (19,953 MiB)aus der Sindelfinger Zeitung vom 12. Dezember 1939. 

Das Spiel "Der Siegeszug unserer jungen Wehrmacht" war laut Spielanleitung " auf dem Foto ein zeitgemäßes, unterhaltendes und belehrendes Gesellschaftsspiel" das die Kinder mit dem Krieg vertraut machen sollte.
Das Spiel "Der Siegeszug unserer jungen Wehrmacht" war laut Spielanleitung "ein zeitgemäßes, unterhaltendes und belehrendes Gesellschaftsspiel" das die Kinder mit dem Krieg vertraut machen sollte.
(Erstellt am 19. Dezember 2019)