Langzeitprojekt „Vor 80 Jahren – Sindelfingen im Krieg“ des Stadtmuseums im Oktober: Oktober 1940 – Oktober 2020 "Propaganda und Antisemitismus"

Das Stadtmuseum Sindelfingen befasst sich von September 2019 bis Mai 2025 unter dem Titel „Vor 80 Jahren – Sindelfingen im Krieg“ mit der Zeit des Zweiten Weltkriegs und wie sich damals die Situation für die Menschen vor Ort darstellte.

Dazu wird monatlich ein Objekt oder Thema in den Mittelpunkt gestellt, das vor 80 Jahren relevant war und auf das analog im Stadtmuseum Bezug genommen wird. So entsteht eine Reihe mit 69 Beiträgen, die monatliche Blitzlichter auf die Zeit von September 1939 bis Mai 1945 wirft und das damalige Geschehen auf lokaler Ebene lebendig werden lässt.
Die Objektauswahl erfolgt anhand der Sammlungsbestände von Archiv und Museum. Darüber hinaus werden auch Erinnerungsorte einbezogen und, begleitend zum Projekt, Gespräche mit Zeitzeugen geführt und aufgezeichnet.
 
Das Stadtmuseum ist geöffnet von Dienstag bis Samstag, 15 - 18 Uhr und am Sonn- und Feiertag von 13 - 18 Uhr. Im Museum gilt Maskenpflicht. Der Eintritt ist kostenlos.
 
 
Thema im Monat Oktober 2020:
"Propaganda und Antisemitismus"
Text von Illja Widmann
 
Die zugehörige Vitrine im Sindelfinger Stadtmuseum ist ab Mittwoch, den 28. Oktober 2020 dem Publikum zugänglich.
 
Ende Oktober 1940 strömten die Sindelfinger ins Filmtheater an der Gartenstraße. Ihr Ziel war der Film „Jud Süß“. Die Sindelfinger Zeitung vom 24.10.1940 bewarb den Film mit folgenden Worten: „Ein Spitzenfilmwerk aller Zeiten! Die deutsche Filmkunst mußte erst den Weg der letzten Jahre gehen, ehe sie ein Werk solcher Prägung schaffen konnte.“
Initiator für den Film war Propagandaminister Joseph Goebbels. In seinem Tagebuch notierte Goebbels: „Harlan Film „Jud Süß“. Ein ganz großer, genialer Wurf. Ein antisemitischer Film, wie wir ihn uns nur wünschen können. Ich freue mich darüber.“ Ziel des Films war die Verleumdung der Juden und das Schüren des Judenhasses in der Bevölkerung. Im Mittelpunkt steht die Figur des Joseph Süß Oppenheimer, hier nur diffamierend „Jud Süß“ genannt. Mit der Einblendung des Satzes „Die im Film geschilderten Ereignisse beruhen auf geschichtlichen Tatsachen“ wird eine angeblich historisch belegte Wahrheit konstruiert.
Werfen wir einen kurzen Blick auf die tatsächliche Lebensgeschichte der Hauptfigur: Joseph Süß Oppenheimer wurde 1689 in Heidelberg geboren und verdiente aufgrund der beruflichen Einschränkungen für Juden, sein Geld mit Handels- und Finanzgeschäften. Er finanzierte auch den württembergischen Herzog Karl Alexander und dessen teure Hofhaltung. Von 1733 bis 1737 regierte Karl Alexander als katholischer Herzog im protestantischen Württemberg, mit einem jüdischen Finanzier und Berater an seiner Seite – eine Situation mit viel politischem Zündstoff. Mit dem plötzlichen Tod des Herzogs 1737 verlor Joseph Süß jeden Schutz und noch am selben Tag erfolgte seine Verhaftung. Am 4. Februar 1738 wurde er in Stuttgart nach einem Schauprozess, vor 20.000 Zuschauern, hingerichtet. Joseph Süß wurde mehrerer Vergehen bezichtigt, u.a. Hochverrat, Bestechlichkeit, Schändung der protestantischen Religion. Am schwersten jedoch wog der Vorwurf des „sexuellen Umgangs mit Christinnen“. Dokumente im Hauptstaatsarchiv Stuttgart zeigen, dass das Urteil des Prozesses von Anfang an feststand und Joseph Süß das Opfer eines Justizmordes wurde.
Die Geschichte des Joseph Süß wurde von Regisseur Veit Harlan jedoch ganz im Sinne der nationalsozialistischen Propaganda dargestellt. Im Mittelpunkt stand die sogenannte „Rassenschande“. Sehr geschickt wurden mit filmischen Mitteln die scheinbar unüberbrückbaren Gegensätze der verschiedenen Lebenswelten dargestellt und die Notwendigkeit diese, ganz im Sinne der Nürnberger Rassengesetze „rein“ zu halten. Die Zuschauer wurden davor gewarnt, den Juden die Tür in die deutsche Gesellschaft zu öffnen.
Die Sindelfinger Zeitung vom 29.10.1940 schrieb begeistert: „Mehr als alle Worte, die jemals über die Judenfrage gesprochen und geschrieben wurden, stählt dieser Film unser völkisches und rassisches Gewissen. Viel Leid und Unglück ist unserem Volk, seinen Frauen und Mädchen dadurch erspart worden, daß wir die Judenfrage für alle Zukunft lösten.“
Der Film wurde von 2.866 Besuchern gesehen. Welchen Eindruck er auf sie machte, ist leider nicht bekannt. In der Zeitung vom 2.11.1940 wird jedoch bedauert, dass der zuvor gezeigte Film Geierwally noch stärkeren Zuspruch erfuhr: „diese Zahlen beweisen doch, daß in unserem ländlichen Lebenskreis der volkstümliche Film höhere Besucherzahlen erreicht als der anspruchsvollere…“ Die Ursache vermutet die Sindelfinger Zeitung in der Tatsache, dass „…der Stoff des „Jud Süß“ doch nur jenen bekannt gewesen sei, die mit der Landesgeschichte und der Judenfrage vertraut sind.“

Werbung aus der Sindelfinger Zeitung vom 24.10.1940 (20,948 MiB), Scan: Stadtarchiv Sindelfingen, zur freien Verwendung

(Erstellt am 27. Oktober 2020)